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IfM-Standpunkt Nr. 57: “Sein und (Digital-) Zeit – oder: Wie würde Heidegger mit der Digitalisierung der Welt umgehen?”

„We know although we try to justify the means, the truth behind the end remains unseen

and as we assume we all agree we`re giving up the freedom to be free!“

(Threshold, Mission profile)

Die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bleiben uns nicht nur in Erinnerung als die Zeit zwischen den Weltkriegen, die daher auch als „Goldene 20er“ in die Geschichte eingegangen sind, sie waren auch eine Zeit bemerkenswerter philosophischer Entwicklungen.

Ludwig Wittgenstein schrieb seinen „Tractatus“ und erklärte damit alle philosophischen Fragen für endgültig gelöst, Ernst Cassirer forschte und publizierte seine Erkenntnisse der „Philosophie der symbolischen Formen“ und betonte dadurch vor allem die Bedeutung der Sprache für die Entwicklung der Menschen und Walter Benjamin entwickelte die Kunst-„Kritik“ zum „Kunstwerk“ und zum Instrument der Gesellschaftskritik weiter.

Diese stürmische Zeit der „schicksalshaften Zeitenwende“, in der Berlin zum Partysalon der Welt wurde, aber auch Armut, Hunger und Inflation an der Tagesordnung waren, inspirierten nicht nur Künstler, sondern auch Denker, zu Höchstleistungen. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet im durchgeschüttelten Deutschland der Weimarer Republik eine so hohe Dichte an Kreativität zu verzeichnen war.

Neben Brechts Dreigroschenoper sticht vor allem Heideggers „Sein und Zeit“ als moderne Antwort auf Kants alte Frage nach dem Sinn des Daseins heraus. Auch wenn Heideggers akademische Karriere nach 1945 und seine persönliche Anerkennung sehr unter seiner Nähe zum Nationalsozialismus litten, ist die Bedeutung seines zentralen Werks über jeden Zweifel erhaben.

Was war seine Botschaft? Heidegger befreit den Menschen von dem Schicksal, „höheren“ Mächten ausgeliefert zu sein, in dem er sich dessen Angst vor der Endlichkeit des Seins zuwendet. Wie Kant sieht Heidegger diese Angst als den Urtrieb des Menschen, aus dem heraus sich auch die Existenz von Religionen erklären lässt. Da aber alle Religionen auf der unbeweisbaren Behauptung der Existenz höherer und, vor allem, das Leben bestimmender Mächte aufbauen, lassen sie die Menschen in einer Unmündigkeit dahin vegetieren, ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, zu Lebzeiten eigene, unabhängige  Lebensmodelle zu entwickeln.

Diesem Schicksalsergebenen Denkmodell der Religion setzt Heidegger die absolute Bedeutung des „Seins“ an sich gegenüber, d.h. er sieht im schlichten „Da-Sein“ den eigentlichen Sinn des Lebens und fordert den Menschen auf, dieses Dasein aktiv und intensiv zu gestalten, anstatt in Demut untätig zu verharren und aus der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod heraus das zu lebende Dasein mit seinen Möglichkeiten zu verpassen.

Es ist leicht zu verstehen, dass diese Botschaft in einer Zeit der Umbrüche schnell eine glühende Anhängerschaft fand und im Übrigen auch den akademischen Raum der Philosophie auf das Tiefste erschütterte, denn weder Heidegger, noch Wittgenstein, noch Benjamin waren gestandene Professoren, als sie ihre großen Ideen veröffentlichten. Ganz im Gegenteil; sie rangen alle in den Nachkriegs-Wirren um ihre Existenz, wenn auch aus jeweils sehr unterschiedlichen Gründen. 

Heideggers Botschaft lautet also stark vereinfacht, dass man den Umständen zum Trotz sein Dasein selbst in die Hand zu nehmen hat, ohne Rücksicht auf das, was möglicherweise, aber unbeweisbar, darum herum und vor allem danach passieren mag.

Dabei hat Heidegger selbst größten Respekt vor dieser Aufgabe, denn er weiß um die vielen Hindernisse und Schwierigkeiten, die es auf dem Weg zu einem aktiv gestalteten Leben zu meistern gilt. Er nimmt daher auch Bezug zu Nietzsche und übernimmt ähnliche Vorstellungen eines „Über-Menschen“, den es braucht, um eine solche Aufgabe erfolgreich zu bewältigen. Dies ist, nebenbei bemerkt, auch der Grund, weshalb Heidegger später während der Nazi-Herrschaft vom Gedankengut Hitlers angezogen wurde.

„Sein und Zeit“ ist also vor allem eine Kriegserklärung an die seinerzeit vorherrschende Vorstellung vom „höheren Sinn“ des Daseins, dem der Mensch sein Dasein zu verdanken und dem er es im Grunde auch zu unterwerfen hat.

„Sein und Zeit“ wendet sich damit auch gegen eine Schicksalsbegründete Untätigkeit des Menschen, und ich denke, genau dies ist ein hochaktuelles Thema.

Unsere derzeitige Zeitenwende ist eine technologisch induzierte, und wir wissen noch nicht, wohin es im Ergebnis führen wird. Wird der Mensch vom Avatar abgelöst oder gelingt es, die Maschinen dauerhaft zu beherrschen?

Und natürlich ist die Finanzdienstleistungsbranche als eine der wichtigsten Industrien mitten drin in diesem Prozess. 

Und wieder tauchen die Beschwörer des Schicksals auf, diejenigen, die das klassische Bankgeschäft dem Tode geweiht sehen, weil unausweichlich die Technik alle Funktionen des Finanzgeschäfts übernehmen kann und daher auch wird. Dabei sind es nicht nur „interessierte Kreise“, also FinTec-Unternehmen, Hersteller und Berater, die sich zusätzliches Geschäft versprechen, wenn Veränderungen zu bewältigen sind.

Sehr häufig handelt es sich auch um Top-Manager aus dem klassischen Bankgeschäft, die sich dieser Beurteilung der Lage anschließen. Vielleicht will man sich einen modernen, schicken oder aufgeschlossenen Anstrich geben, wenn man die Zukunft voraussieht.

Wir können nicht wissen, wie genau die Zukunft unserer Industrie aussehen wird. In beinahe jeder Umfrage sagen Kunden, dass sie sich durchaus in der nächsten Zeit einen Bankwechsel vorstellen können, weshalb ja auch alle Anbieter einen kostenlosen Kontowechsel anbieten. Aber bislang ist die große Kundenwanderung ausgeblieben, wohl auch, weil die ganz großen Unterschiede zwischen den Preis-Leistungs-Modellen der Wettbewerber nicht festzustellen sind. 

Dennoch erlebe ich in wachsendem Ausmaß Bankmanager, die mir relativ genau beschreiben können, wie die Welt in fünf bis zehn Jahren aussehen wird, wie viele Filialen man dann noch brauchen wird, wie diese Filialen aussehen werden, wie sich die Wettbewerbslandschaft verändert haben wird und wie viele etablierte Anbieter dann verschwunden sein werden, weil so viele neue Wettbewerber das Finanzdienstleistungsgeschäft für sich entdeckt haben werden. Man erinnere sich noch an die Auto-Finanzierungen.

Und außerdem mag man sich gar nicht vorstellen, was passiert, wenn die heutige Jugend, die ja praktisch alles, von der Pizza-Bestellung bis zur Partnerwahl, über das Smartphone regelt, erwachsen geworden ist und sich mit Finanz-, (Achtung) nicht: Bank-Dienstleistungen beschäftigt. Wenn man in dieser Form über die kommenden Veränderungen nachdenkt, kann man schon das Gefühl bekommen, das Schicksal meine es nicht gut mit den (etablierten) Banken.

Als ich kürzlich wieder einmal über Heideggers „Sein und Zeit“ stolperte, kam mir der Gedanke, wie er mit seiner Daseins-Philosophie in der heutigen Zeit denken und handeln würde, wenn er Manager einer etablierten Bank wäre.

Was würde er seinen Kollegen und den Führungskräften seiner Organisation als Botschaft vermitteln wollen?

Würde er das Schicksal beschwören, das Niedrigzinsen, Regulatorik und Digitalisierung gebracht hat, um dem klassischen Bankgeschäft den Todesstoß zu verpassen?

Würde er Verbände und Politiker beschwören, endlich gegen die Ungerechtigkeiten der Finanzwelt vorzugehen und sie der Tatenlosigkeit bezichtigen?

Und würde er schließlich Gutachten und Studien beauftragen, um ihm möglichst präzise aufzuzeigen, wie sich die Welt in fünf bis zehn Jahren darstellt, was also getan werden muss, um sich auf das Ziel-Szenario optimal einzustellen?

Es ist überliefert, dass der Naturbursche aus dem Schwarzwald häufig zum Holzhacken ging, wenn er sich mit schwierigen philosophischen Fragen herumschlug. Holzhacken ist etwas völlig anderes als Philosophie und hat etwas Archaisches.

Möglicherweise ist Heidegger ja auch beim Holzhacken auf seine philosophischen Ideen gekommen, denn „anpacken“, „wegarbeiten“, „gestalten“ sind ja Begriffe, die gleichermaßen in „Sein und Zeit“ wie auch bei der Arbeit auf dem Hof eine zentrale Rolle spielen.

Vielleicht ist dem Naturburschen beim Holzhacken klar geworden, dass es angesichts der prinzipiellen Unsicherheit, ja zum Teil sogar Ungewissheit, nicht so sehr darauf ankommt, eine möglichst präzise Vorstellung von der fernen Zukunft zu haben, sondern vor allem darauf, das unmittelbar vor einem Liegende, das „Dasein“, aktiv und mutig zu gestalten.

Gerade in Zeiten der Unsicherheit bedeutet das, die grundlegenden Anforderungen möglichst erfolgreich zu bewältigen.

Dass dies nicht immer mit der nötigen Energie getan wird, davon zeugen die vielfach sehr unterschiedlichen Ergebnisse vergleichbarer Institute. Es scheint so zu sein, dass sich viele Manager mit Nebenkriegsschauplätzen oder Zukunftsvisionen beschäftigen und es an Energie für das unmittelbar Wichtige, das bestehende Kundengeschäft, mangeln lassen.

Es gibt in unserer Branche zu wenige „Kämpfer“ im Sinne Heideggers, die sich nicht mit unsicheren Zukunftsszenarien aufhalten, sondern durch hartes Arbeiten im tagtäglichen Häuserkampf des Kundengeschäfts aktiv die Zukunftschancen ihrer Bank verbessern. 

Vor allem würde sich Heidegger als Bankmanager vor allem mit den Chancen der Digitalisierung für sein Kundengeschäft auseinandersetzen. Er würde versuchen, seiner Belegschaft die Angst zu nehmen, indem er bei der Nutzung digitaler Lösungen vorneweg marschieren würde, um die Zweifler zu überzeugen.

Er würde die Worte „hätte“, „sollte“ und „könnte“ verbieten und durch den Begriff „machen“ ersetzen. Er würde Probieren und Lernen zu Grundeigenschaften der Organisation machen wollen und nicht jedes Risiko auszuschließen versuchen.

Damit wäre der Bankmanager Heidegger einer, der keine Ausreden suchen oder Verantwortung an andere Institutionen weitergeben würde. Er würde sein Dasein anpacken, mit aller ihm möglichen Kraft.

Philosophie kann so herrlich einfach und praktisch sein, wenn man sie verstanden hat. Und auch wenn „Sein und Zeit“ aufgrund der komplexen Sprache an sich als unlesbar gilt (selbst Jean-Paul Sartre hat nach Heideggers Ansicht so manches bei der Lektüre falsch verstanden), sind seine Gedanken wichtig und können uns helfen, unser Koordinatensystem, d.h. unser Verständnis von der Welt um uns herum und ihre Anforderungen, immer wieder klar auszurichten.

Gerade in komplizierten Zeiten wie diesen ist ein klarer Blick auf das Wesentliche ein zentraler Erfolgsfaktor. Die Bank-Friedhöfe der Zukunft werden voll sein mit Managern, die klare Vorstellungen von der fernen Zukunft hatten, die Realität des „Daseins“ aber nicht konsequent genug angepackt haben.

Unsere gesellschaftliche (und unternehmerische) Freiheit ist mit dem Auftrag verbunden, unsere Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen und nicht auf das Schicksal zu vertrauen. Wer immer mit dem Strom schwimmt, verliert die Freiheit, frei zu sein („ ... the freedom to be free“). Gehen Sie doch mal Holz hacken!

 

Herzliche Grüße aus Brand

 

Hans-Dieter Krönung

 

 

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