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Plattformgetriebene Ökosysteme: Banken und Versicherungen, FinTechs und InsurTechs – Unterschiedliche Welten, eine Wahrheit

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Fabian Gießibl

Ökosystemansätze bei Banken und Versicherungen – Zwei Seiten derselben Münze

Open Finance, Embedded Payment, FinTechs, InsurTechs, Banken und Versicherungen – jeden Tag lesen wir diese und viele weitere Schlagwörter, die uns gefühlt in jedem zweiten Artikel entgegenspringen. Sind diese Themen aber nun wirklich so komplex, so unterschiedlich und nur für die jeweiligen Fachexperten zu verstehen?

In diesem Artikel unternehmen wir den Brückenschlag zwischen Banken und FinTechs auf der einen und Versicherungen und InsurTechs auf der anderen Seite und bringen Ihnen näher, wie sich diese innerhalb eines gemeinsamen Ökosystems ergänzen – im Grunde also zwei Seiten derselben Münze sind.

Nachfolgend lesen Sie einige Use Cases zu Open Finance, Embedded Payment und die künftige Einbindung der Assekuranz.

Herausforderungen von Banken und Versicherungen – Was ist für die künftige Ausrichtung unerlässlich?

Seit vielen Jahren bekannt und von BigTechs und GAFAs (Google, Amazon, Facebook, Apple) erfolgreich vorgeführt, gehört zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell nicht nur der Blick auf, sondern auch aus der Perspektive des Kunden: sowohl Banken als auch Versicherungen müssen sich die Frage stellen, welchen Mehrwert sie bieten bzw. welches konkrete Kundenproblem sie lösen wollen. Dies bedingt eine kundenzentrische Sicht statt einer intrinsischen Produktsicht.

Dieser Perspektivenwechsel fällt vielen Instituten eher schwer: die Nähe zum Kunden und das Verständnis um seine sogenannten Lebenswelten nimmt kontinuierlich ab und die Kundenschnittstelle wird besetzt von FinTechs, InsurTechs und digitalen Ökosystemen und Plattformen, die nicht in Produkten, sondern in „Kundenreisen“ denken. Diese stellen nicht die Finanz- bzw. Versicherungsprodukte in den Fokus, sondern lösen ein konkretes Kundenproblem bzw. erleichtern den Alltag des Kunden quasi invisibel mit den relevanten Finanz- und Versicherungsprodukten.

Beispiel-Use Case Banken (BNPL / Ratenkredit):
Der Kunde steht beim Check-out an der Kasse (oder im E-Commerce) und bekommt in einer Zahlungs-App die Option angezeigt z.B. zu einem späteren Zahlungstermin (Buy Now Pay Later) oder in Form eines Ratenkredits seinen Kauf zu bezahlen oder zu finanzieren. Der Vertrags- / Produktabschluss ist hierbei direkt in den Zahlungsprozess integriert und bedarf keiner weiteren aktiven Handlung des Kunden.

Bei diesen Use Cases mit einem integriertem Finanzprodukt sprechen wir von Embedded Finance bzw. Embedded Payment. Von Open Finance sprechen wir, wenn es um die für alle offene, schnittstellenbasierte Anbindung dieser Produkte geht, was auch in der PSD2-Richtlinie beschrieben ist.

Beispiel-Use Case Versicherungen (nutzungsabhängige Verträge / Abrechnung):
Der Kunde besitzt ein Auto und möchte sich nicht jedes Jahr darum kümmern müssen, ob er im Rahmen seiner Autoversicherung zu viele Kilometer gefahren ist und eine Unterversicherung besteht oder er zu wenige Kilometer gefahren ist und er daher überversichert ist. Einfacher ist es da, bequem von der Couch einmalig seine Fahrzeugdaten einzugeben ggf. über die Kopplung vom Handy mit dem Auto den KM-Stand automatisch im Hintergrund regelmäßig auszulesen, und so immer genau den Betrag für seine Autoversicherung zu zahlen, der gerade angemessen ist.

Im Versicherungsbereich gibt es aktuell kein gleichwertiges regulatorisches Pendant zur PSD2-Richtlinie. Dieser Lücke und damit dem Versuch eines offenen und standardisierten Informationsaustauschs hat sich FRIDA (Free Insurance Data Initiative) verschrieben, auf welche wir im weiteren Verlauf noch zu sprechen kommen.

In beiden dargestellten Use Case-Szenarien nutzt der Dienstleister positive oder notwendige Aspekte des täglichen Lebens und verbindet diese mit einer schlanken, bequemen und vor allem unkomplizierten Art, „unliebsame“ Themen wie Zahlungsvorgänge oder Versicherungsthemen abzuschließen. Die angebotenen Produkte stehen hierbei nicht im Fokus, sondern werden mit in die eigentlichen Lebenswelten der Kunden integriert.

Banken und Versicherungen haben heute i.d.R. diesen Kundenzugang und diese hohe Kundenrelevanz nicht. Immer mehr Institute greifen deswegen auf die Unterstützung von FinTechs und InsurTechs zurück. So wurde aus der zu Anfang gefürchteten Konkurrenz ein Partner mit ähnlicher Zielsetzung und schlussendlich ein Wegbereiter für ein gemeinsames Ökosystem mit dem Kunden im Fokus.

Zwei Welten ein Ökosystem – was Banken und Versicherungen verbindet

Was bei den Banken begonnen hat, setzt sich nun bei der Assekuranz fort. Schon längere Zeit entwickeln Banken in Zusammenarbeit mit FinTechs Kunden-Plattformen in diversen Ausprägungen. Die Spanne reicht von Vermittlungsgeschäften über Vergleichsportale, Bezahl-Apps mit oder ohne Mehrwert-Programme bis hin zur Immobilienbewertung für weitere Investitionen. Diese „kleinen“ Ökosysteme bilden sich immer weiter aus und bieten dem Kunden somit immer mehr Möglichkeiten, diese in seinen Alltag zu integrieren.

Beispiel-Ökosystem Banken – Vergleichsportale:
Mehr als 70% aller Internetnutzer vergleichen vor größeren Anschaffungen die Preise im Internet. Dabei führt der Weg häufig über sogenannte Vergleichsportale, welche den Nutzern nicht nur den reinen Produktvergleich erleichtern, sondern ihn direkt zum Kauf überleiten. Hier erfolgt dann die Verknüpfung zu Bank- oder Versicherungsprodukten, welche dem Nutzer vor, während oder nach der Zahlung angeboten werden. Im Rahmen dieser End-to-End betrachteten Prozesse können dem Kunden neben arrondierenden Produkten und Dienstleistungen auch die Wertschöpfungskette verlängernde Angebote gemacht werden, wie z.B. Absatzfinanzierungen.

Beispiel-Ökosystem Banken – Bezahl-Apps:
Im Jahr 2021 wurden 12% aller Einkäufe via Mobile Payment per Smartphone durchgeführt, und wenn man die Kundengruppe auf die bis zu 34-jährigen eingrenzt, ist es schon mehr als jeder vierte Kunde. Hierbei wird deutlich, dass Konsumenten ihren Fokus mehr auf Bequemlichkeit und eine schnelle und unkomplizierte Abwicklung legen, als auf das im Hintergrund genutzte Bankprodukt. GAFA & Co. zeigen eindrucksvoll, dass Convenience alles ist.

Beispiel-Ökosystem Banken – Immobilienbewertung:
Immer mehr Finanzdienstleister, Immobilienmakler oder Banken bieten online kostenlose Immobilienbewertungen an. Hierbei erhält der Anbieter nicht nur relevante Kunden- und Objektdaten für weiteren Analysen, sondern kann dem potenziellen Kunden auch gleich Angebote für weitere Finanzierungen, Umschuldungen, Kleinkredite, Versicherungen oder ähnliches anbieten. Hierbei wird geschickt das intrinsische Interesse an der eigenen Immobilie mit relevanten Produktangeboten verknüpft und im besten Fall ein positiver Eindruck an der Kundenschnittstelle hinterlassen, da man sich so individuell um die Bedürfnisse des künftigen Kunden gekümmert hat.

Die Assekuranz ist noch nicht so weit. Hier gibt es zwar vereinzelte Ansätze und Prototypen, um Versicherungsprodukte in den Alltag des Kunden zu integrieren, dennoch steht die Branche damit noch am Anfang ihrer Möglichkeiten. Insbesondere Embedded Insurance hat noch großes Entfaltungspotenzial. Hier bieten sich große Chancen, Versicherungsprodukte in bestehende Plattformen zu integrieren und auch eigene Ökosysteme zu schaffen, die bestimmte Kunden-Lebenswelten unterstützen.

Gerade technische Lösungen wie Open Insurance und Open Banking ermöglichen eine gezielte Kundendaten-Analyse und somit eine noch zielgerichtetere Verknüpfung von Kundenaktivitäten mit relevanten Versicherungsprodukten. Beispiele hierfür könnten Reisebuchungen, eine nutzenorientierten KFZ-Versicherung oder die generelle Kundeneinwertung anhand von Bewegungs- und Fitnessdaten für maßgeschneiderte Personenversicherungsangebote sein.

Beispiel-Ökosystem Versicherungen – Analyse Lebensrealitäten:
Auf Basis einer Reisebuchung lassen sich Rückschlüsse auf einen möglichen Versicherungsbedarf ziehen. Neben den üblichen Reiserücktritt- und Reisekrankenversicherungen kann beispielsweise das Reiseziel weitergehende Versicherungsangebote nahelegen (z.B. Wintersport-Destination i.V.m. Unfall- und Skiversicherung).

Beispiel-Ökosystem Versicherungen – KFZ-Versicherung:
Die gefahrenen Kilometer, das Fahrverhalten sowie personenbezogene Daten bilden die Grundlage für eine risikoadjustierte Preisgestaltung und somit für ein „pay as you drive“-Modell. Diese Informationen können über plattformbasierte Dienstleisterangebote oder auch im Autohaus verarbeitet und dem Kunden im Rahmen eines End-to-End-Prozesses angeboten werden.

Beispiel-Ökosystem Versicherungen – IoT (Internet of Things)-Nutzung:
Dank IoT können Versicherungsangebote unterbreitet werden, die sich u.a. am Lebensstil des Kunden orientieren. So können beispielsweise über Smart Watches und Fitness Tracker Blutzuckerwerte, Blutdruckwerte und Sportaktivitäten erhoben werden, um daraus konkrete Angebote zu erstellen oder überhaupt erstmals eine Versicherbarkeit herzustellen.

Diese und viele weitere Use Cases ermöglichen eine zielgerichtete Kombination von Banking- und Versicherungsprodukten (Embedded Payment / Embedded Insurance) im Rahme einer nutzenbringenden Kundenreise

Regulatorik als wegbereiter im Finance-Bereich – Versicherungen haben nachholbedarf

Wenn die Tage etwas über Regulatorik im Bankenbereich zu lesen ist, stehen die Chancen gut, dass es sich um die Ausgestaltung bzw. Umsetzung der PSD2-Richtlinie handelt. Traditionell waren regulatorische Vorschriften im Bankenbereich immer eher geschäftsverhindernd. Mit der PSD2 erleben wir erstmals Regulatorik als Enabler für neue Geschäftsmodelle, Produkte und Kundenerlebnisse.

Um einen geeigneten Absprungpunkt in das Thema Embedded Payment zu finden, setzen wir am Kernstück der PSD2, den Schnittstellen (APIs), an. Grundsätzlich geht es um die Verwendung von Kundendaten, Kontozugriffen und das Auslösen von Zahlungen also Account Information Service Provider (AISP) und Payment Initiation Service Provider (PISP). Beide Dienstleisterarten können im Rahmen der PSD2 auf Kontoinformationen zugreifen und diese verarbeiten.

Hierauf basieren im Wesentlichen die im Markt befindlichen Embedded Payment-Angebote: das eigentliche Finanzprodukt wird in einen, für den Kunden nutzenbringenden End-to-End-Prozess eingebettet und mittels des Einverständnisses des Kunden unter Einbeziehung von Kontoinformationsdaten oder Zahlungsaufträgen ausgeführt.

Aktuell gehen wir von ungefähr 300 API-FinTechs in Europa aus, welche mindestens eine Lizenz als Zahlungsauslösedienst oder Kontoinformationsdienst haben. Darin enthalten sind 37 deutsche Anbieter und ca. 130 Anbieter mit Lizenzen für den deutschen Markt. Die Vergangenheit und die sich daraus entwickelnde Anzahl von API-FinTechs zeigt deutlich, dass die Banken die Vorreiterposition an der Kundenschnittstelle verloren haben, und verstärkt auf die Kooperation mit Drittdienstleistern setzen (müssen).

In der Assekuranz fehlt aktuell eine vergleichbare Regulatorik, was die FRIDA Initiative (Free Insurance Data Initiative) durch die Entwicklung relevanter Anwendungsfälle für Open Insurance auszugleichen versucht.

Die Kombination eines starken Partnernetzwerks aus dem Versicherungsbereich, eines Open-Source-Ansatzes sowie des Non-Profit-Gedankens der Initiative sollen sicherstellen, dass sich API-Lösungen als branchenweiter Standard etablieren können. Hierdurch werden digitale Ökosysteme unter Einbezug von versicherungsspezifischen Daten und Services skalierbar und effizient. Diese Initiative könnte als Brücke für eine spätere Regulation durch den Gesetzgeber verstanden werden.

Relevante kundenfokussierte Use Cases innerhalb eines digitalen Versicherungs-Ökosystems könnten wie folgt aussehen:

Beispiel-Use Case Versicherung – Altersvorsorge:
Hierbei sollen alle Altersvorsorgeverträge einer Person zusammengefasst und eine Übersicht über Einkünfte im Alter sowie mögliche Rentenlücken umfassend und transparent dargestellt werden.

Beispiel-Use Case Versicherung – Gesundheitsbereich:
Die Zusammenfassung und Übersicht aller Vertrags- und Leistungsangebote im Gesundheitsbereich ermöglicht es, sich in einem ersten Schritt bequem und transparent über aktuelle Verträge, gebuchte Leistungen oder weitere Vorsorgeoptionen zu informieren.

Beispiel-Use Case Versicherung – Schadensregulierung:
Drittdienstleister am Markt bieten an, Kundenverträge in kleinen Gruppen zu bündeln, um so einen Schadensfrei-Bonus zahlen zu können. Dabei zahlt jeder Kunde weiterhin seinen gleichen Betrag, die Selbstbeteiligung wird aber hochgesetzt und damit der Beitrag reduziert. Die Mehrbeiträge werden in der gesamten Gruppe gesammelt und als Bonus wieder ausgezahlt. Im Schadensfall werden die gesammelten Mehrbeiträge der Gruppe herangezogen. Sollten die Selbstbeteiligungen den Topf der Mehrbeiträge überschreiten, tritt eine gesonderte Rückversicherung in Kraft, der Kunde zahlt niemals mehr als in seinem vorherigen Vertrag.

Sollte sich ein Ansatz zur Etablierung standardisierter Schnittstellen durchsetzen, wird sich zeigen, ob die Versicherungsbranche aus den Fehlern der Bankenwelt gelernt hat. Die frühzeitige und nutzenbringende Entwicklung von Use Cases für die Kunden ist entscheidend, wenn der Kontakt zur Kundenschnittstelle aus Sicht der Assekuranz nicht an Drittdienstleister verloren gehen soll.

Als kleine Vorschau möchten wir den Blick noch auf ein weiteres Thema richten –SEPA Payment Account Access (SPAA). Diese neue Initiative hat zum Ziel, ein neues Scheme mittels eines Multi-Stakeholder-Ansatzes (SPAA MSG) aufzubauen. Hier sollen künftig Premium-Zahlungsdienstleistungen angeboten werden. Die Initiative befindet sich derzeit im Aufbau. Ein erster Regelwerksentwurf, welcher die Grundlage der Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Parteien festlegt, soll bis Mai 2022 entwickelt werden. Die finale Version ist für Ende November 2022 geplant. Es bleibt abzuwarten, ob und wie sich diese Initiative auf künftige Produktangebote im Payment und das Zahlverhalten der Kunden und die Transaktionsentwicklung auswirkt.

Fazit

Die Entwicklung einer standardisierten offenen Schnittstelle im Bankenbereich sowie die zögerliche und bisweilen fehlende Kundenorientierung hat zu einer Verlagerung der Kundenschnittstelle weg von den Banken hin zu den FinTechs und BigTechs/GAFA geführt. So entstanden neue Ökosysteme mit Fokus auf Kundenbedürfnisse.

Die Versicherungsbrache steht nun am Anfang dieser Entwicklung und es bleibt abzuwarten, ob sie den Schritt zum Aufbau eigener Ökosysteme gehen oder ihre Vorreiterstellung an die neuen aufstrebenden InsurTechs und Anbieter der „eigentlichen Leistungen“ (z.B. Produktverkäufer, Reiseanbieter, Gesundheitsdienstleister) abtreten werden.

Wir als EGC verstehen uns als Brückenbauer und unterstützen Sie gerne bei der Entwicklung geeigneter Strategien, Produkte oder Auswahl von Partnern und Dienstleister, um Ihnen eine bestmögliche Ausrichtung auf den Kunden und dessen Bedürfnisse zu ermöglichen. Sprechen Sie uns einfach an.

Autoreninfo: Fabian Gießibl ist Manager bei Eurogroup Consulting und Experte für Projektmanagement und Payments im Finanzbereich. Seine Projektexpertise umfasst Fragestellungen zu Steuerung komplexer Projektstrukturen mit Schwerpunkt Regulation, Softwareeinführungen sowie Payment-Produktentwicklung.

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